“Dann gibt es nur eins! Sag NEIN!”

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Wenige Wochen vor seinem Tod am 20. Novem­ber 1947 entstand dieser nun folgende leiden­schaft­li­che und blei­bende Mahnruf von Wolf­gang Borchert (*20. Mai 1921 in Hamburg). Eindring­lich fordert er darin seine Mitmen­schen in der Form eines Mani­fests auf, die Teil­nahme an künf­ti­gen Kriegen zu verwei­gern. Seine Kriegs- und Nach­kriegs­er­fah­run­gen hatten den so früh verstor­be­nen, 26jährigen Schrift­stel­ler, Schau­spie­ler und Kaba­ret­tis­ten maßgeb­lich geprägt. Sein Text ist  aktu­el­ler denn je.

„Sag NEIN!“

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werk­statt. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst keine Wasser­rohre und keine Koch­töpfe mehr machen — sondern Stahl­helme und Maschi­nen­ge­wehre. dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Laden­tisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst Grana­ten füllen und Ziel­fern­rohre für Scharf­schüt­zen­ge­wehre montie­ren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN! Du. Besit­zer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst
statt Puder und Kakao Schieß­pul­ver verkau­fen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Labo­ra­to­rium. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst einen neuen Tod erfin­den gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst keine Liebes­lie­der, du sollst Haßlie­der singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Kran­ken­bett. Wenn sie dir morgen befeh­len, du
sollst die Männer kriegs­taug­lich schrei­ben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig spre­chen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst keinen Weizen mehr fahren — sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flug­feld. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst Bomben und Phos­phor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schnei­der auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Unifor­men zuschnei­den, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst zum Kriegs­ge­richt gehen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befeh­len, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Muni­ti­ons­zug und für den Trup­pen­trans­port, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestel­lungs­be­fehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Norman­die und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Missis­sippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo — Mütter in allen Erdtei­len, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befeh­len, ihr sollt Kinder gebären, Kran­ken­schwes­tern für Kriegs­la­za­rette und neue Solda­ten für neue Schlach­ten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann:
dann:

In den lärmen­den dampf­duns­ti­gen Hafen­städ­ten werden die großen Schiffe stöh­nend verstum­men und wie tita­ni­sche Mammut­ka­da­ver wasser­lei­chig träge gegen die toten verein­sam­ten Kaimau­ern schwan­ken, algen‑, tang- und muschel­über­west den früher so schim­mern­den dröh­nen­den Leib, fried­höf­lich fisch­fau­lig duftend, mürbe, siech, gestorben -
die Stra­ßen­bah­nen werden wie sinn­lose glanz­lose glas­äu­gige Käfige blöde verbeult und abge­blät­tert neben den verwirr­ten Stahl­ske­let­ten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dach­durch­lö­cher­ten Schup­pen, in verlo­re­nen krater­zer­ris­se­nen Straßen — eine schlamm­graue dick­brei­ige blei­erne Stille wird sich heran­wäl­zen, gefrä­ßig, wach­send, wird anwach­sen in den Schulen und Univer­si­tä­ten und Schau­spiel­häu­sern, auf Sport- und Kinder­spiel­plät­zen, grausig und gierig, unauf­halt­sam — der sonnige saftige Wein wird an den verfal­le­nen Hängen verfau­len, der Reis wird in der verdorr­ten Erde vertrock­nen, die Kartof­fel wird auf den brach­lie­gen­den Äckern erfrie­ren und die Kühe werden ihre totstei­fen Beine wie umge­kippte Melk­sche­mel in den Himmel strecken –

in den Insti­tu­ten werden die genia­len Erfin­dun­gen der großen Ärzte sauer werden, verrot­ten, pilzig verschimmeln -

in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühl­häu­sern und Spei­chern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbee­ren, Kürbis und Kirsch­saft verkom­men — das Brot unter den umge­stürz­ten Tischen und auf zersplit­ter­ten Tellern wird grün werden und die ausge­lau­fene Butter wird stinken wie Schmier­seife, das Korn auf den Feldern wird neben verros­te­ten Pflügen hinge­sun­ken sein wie ein erschla­ge­nes Heer und die qual­men­den Ziegel­schorn­steine, die Essen und die Schlote der stamp­fen­den Fabri­ken werden, vom ewigen Gras zuge­deckt, zerbrö­ckeln — zerbrö­ckeln — zerbröckeln —

dann wird der letzte Mensch, mit zerfetz­ten Gedär­men und verpes­te­ter Lunge, antwort­los und einsam unter der giftig glühen­den Sonne und unter wanken­den Gestir­nen umher­ir­ren, einsam zwischen den unüber­seh­ba­ren Massen­grä­bern und den kalten Götzen der gigan­ti­schen beton­klot­zi­gen veröde­ten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahn­sin­nig, lästernd, klagend — und seine furcht­bare Klage: WARUM? wird unge­hört in der Steppe verrin­nen, durch die gebors­te­nen Ruinen wehen, versi­ckern im Schutt der Kirchen, gegen Hoch­bun­ker klat­schen, in Blut­la­chen fallen, unge­hört, antwort­los, letzter Tier­schrei des letzten Tieres Mensch –
all dieses wird eintref­fen, morgen, morgen viel­leicht, viel­leicht heute Nacht schon, viel­leicht heute Nacht, wenn – wenn – wenn ihr nicht NEIN sagt.

Quelle: Wolf­gang Borchert, Das Gesamt­werk, Rowohlt 1986, Seite 318 ff

Mehr über Wolf­gang Borchert, seine Gedan­ken, Texte, Fotos, Bilder, ist in der Ausstel­lung Wolf­gang Borchert im Deut­schen Kabarett­archiv Mainz zu erfahren.

“Dann gibt es nur eins”. Vertont von Johan­nes Kirchberg.

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